Ich würde mir so sehr wünschen, daß bildungsbewegte Menschen und Bildungsprofis aus der Praxis das Schulsystem von der Basis her erneuern dürften. Denn wir sehen jetzt in Zeiten von Fake News und Verschwörungstheorien, daß unser Bildungssystem in seiner wichtigsten Aufgabe der "Schulung der Urteilsbildung" völlig versagt hat! Das Mindset, das Menschen in diesen Zeiten globaler Herausforderungen und gesellschaftlicher Umwälzungen brauchen, wurde an Schulen nicht gelehrt - dafür wurde mit viel Aufwand viel "totes Wissen" in Kinder gepumpt oder die Kinder aus dem Schul- und Bildungssystem vollends vergrault. Die Zukunft der Demokratie steht gerade auf dem Spiel, weil sie es verpasst hat, sich grundsätzlich her von innen zu erneuern und alte Bildungsideale des 19. Jahrhunderts vehement über Bord zu schmeißen!
“Die zentrale Aufgabe unseres Bildungssystems ist die Urteilsschulung… dieses riesige und schwierige Problem in einer immer komplexeren Informations- und Wissensgesellschaft innerliche Kriterien dafür zu entwickeln, was man für vertrauenswürdig hält und für weniger vertrauenswürdig. Ein Methodenverständnis zu entwickeln für naturwissenschaftliches und geisteswissenschaftliches Denken, ein Methodenverständnis… für die Tücken des eigenen Denkens ...wird eine ganze große Herausforderung zukünftiger Gesellschaften sein, damit sie stabil bleiben.“
Richard David Precht, Vortrag über Fakten, Verschwörungstheorien und Wissenschaft in Luzern, 25.11.2021
Prechts Vortrag über Fakten, Verschwörungstheorien und Wissenschaft |
Was brauchen pädagogische Fachkräfte dafür, diese Art von Bildung zu vermitteln?
1. Mir fällt als erstes ein: Freiheit vom Lehrplan-Druck! Wenn der Lehrplan immer drückt, wie sollen dann engagierte Lehrer*innen ihre eigenen Wege finden, Kindern Raum zu geben, ihre Urteilsfähigkeit zu üben? Wer seine Urteilsfähigkeit schärfen will, der muss Freiheit haben, Dinge so oder anders zu machen - das verträgt sich wenig mit dem ständigen Ziel "durch den Stoff zu kommen". Neue Bildung braucht einen verbindlichen Schwerpunkt in den Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen plus Dialog) und dann sehr viel Freiheit, welcher Teil des unfassbar grossen Wissens der Menschheit vertieft wird.
2. Zweitens mehr Zeit für Kinder - wenn es um Urteilskraft des Einzelnen geht, dann braucht auch jeder Einzelne mehr Resonanz, Anerkennung, Dialog und Raum für Ausdruck der eigenen Gefühle und des eigenen Wissens. Ist das in Klassenstärken von 25 bis 30 Kindern zu schaffen - ich denke nicht. Aber es geht nicht nur um eine neue ideale Gruppenstärke (16 Kinder?) sondern auch um Zeit für Beziehung. Zeit für Spiel, Zeit für Dialog, Zeit für Miteinander, Zeit für Schulversammlungen - all das, was bis jetzt eigentlich nebenbei stattfinden soll. Denn zwei Stunden in der Woche (an manchen Schulen gibt es das gar nicht) sind für Kinder und Jugendliche, die die ganze Woche miteinander verbringen niemals genug Zeit ihre sozialen Anliegen befriedigend zu lösen. Besonders das ist Bildung der Urteilskraft - wenn ich mich sprachlich ausdrücken kann, wenn ich mich als Mitgestalter*in einer Gruppe erlebe, wenn Mobbingprozesse durch Integrität und Dialogprozesse ersetzt werden. Für diese Bildung des Miteinanders mangelt es Lehrerinnen und Lehrern ganz enorm an Fachwissen, denn es war nie Teil des Lehramtstudiums! Weiterbildungen in Beziehungskompetenz müssten absoluten Vorrang haben.
3. Und drittens: Unterstützung im Setting der Schule durch Beratungskräfte an jeder Schule. Wieviele Kinder können dem Unterricht nicht folgen, weil sie persönliche Probleme haben, die gerade größer sind als das aktuelle Bildungsanliegen von Fachkräften, z.B. kranke Eltern, Eltern im Beziehungskrieg, Gewalterlebnisse usw. Wenn diese Kinder und deren Eltern keine Unterstützung erfahren, besteht eine große Gefahr, daß sie permanent das laufende Unterrichts-System sprengen oder völlig aus dem System fallen. Lehrkräfte sind hier überfordert, weil Ihnen eine gesellschaftliche Aufgabe aufgebürdet wird, für die sie fachlich nicht ausgebildet worden sind und die sie stundentechnisch auch gar nicht leisten können.
Was fällt Euch noch ein? Schreibt mir gerne - was braucht es für eine andere Art der Bildung, die Menschen Denken lehrt und nicht Funktionieren in einem System, das es in ein paar Jahren gar nicht mehr gibt?
Ich freue mich auf Eure Antworten,
novemberliche Grüße
Katrin
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P.S. Was demnächst stattfindet:
Ich & Du - Räume & Grenzen - pferdegestützter Workshop 23.-25. März 2022
Respektvoll Führen - pferdegestützter Workshop für Einsteiger und Wiederholer 29.4. - 1.5.2022
Teamfortbildung "Integrität statt Mobbing"
Teamfortbildung Starkes Team
mehr Fortbildungen von beziehungskompetent.de
Einzel-, Paar- und Familienberatung - vor Ort oder online
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